Gesammelte Jahresrückblicke 2013

Gesammelte Jahresrückblicke 2013

Auch 2013 ist das Jahr gefühlt wie im Flug vergangen und man fragt sich, wo es eigentlich geblieben ist. Der Jahreswechsel ist ja traditionell eine Zeit des In-sich-Gehens und Rekapitulierens. Aber es ist geradezu unmöglich, sich alleine an alles Bedeutende zu erinnern. Glücklicherweise helfen einem viele nette Menschen und Medien mit ihren Jahresrückblicken.

Ich präsentiere an dieser Stelle eine rein subjektive, natürlich unvollständige Auswahl, die ich für interessant halte. In den nächsten Wochen kommen bestimmt noch ein paar Links dazu.

Podcasts:

DRadio WIssen Online Talk “Rückblick 2013 – Alte und neue Trends.” – “Daniel Fiene und Herr Pähler blicken auf den Online Talk 2013 zurück.”

LNP088 “Schamoffensive.” – Linus Neumann und Tim Pritlove berichten über netzpolitische Themen Anfang Dezember 2013.

Netzpolitischer Wochenrückblick KW51.” (netzpolitik.org, 20.12.2013) – Themen: Der Hauptausschuss für Internet und digitale Agenda, die neue Bundesauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit: Andrea Vosshoff (CDU) [man könnte auch sagen: gegen Datenschutz], das Urteil des Das US-Bundesgericht für den District of Columbia zur NSA-Überwachung, der neue Geheimdienst-Staatssekretär im Bundeskanzleramt Klaus-Dieter Fritsche (CSU).

NSFW079 “Die grüne Elke.” – Holger Klein und Tim Pritlove lassen das Jahr Revue passieren und reisen zusätzlich dreißig Jahre in der Zeit zurück—ins Jahr 1983.

Online-Magazine:

Economist “The World in 2013.

Hauptausschuss: Das GroKodil, Die NSA Und Postdemokratische Zustände in Deutschland

Der Hauptausschuss: Das GroKodil, die NSA und postdemokratische Zustände in Deutschland

Im Dezember 2013 beriet sich in Berlin die große Koalition aus CDU/CSU und SPD über ihr zukünftiges Regierungsprogramm. Weil sich die Verhandlungen zäh wie Kaugummi in die Länge zogen, auch wegen der Mitgliederbefragung innerhalb der SPD, fand das Ganze nun auf Vorschlag der Unionsfraktion in einem sogenannten Hauptausschuss statt.

Reichstagsgebäude (Berlin) kurz vor herbstlichem Sonnenuntergang. Jürgen Matern / Wikimedia Commons, CC-BY-3.0 http://www.juergen-matern.de/ | https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Reichstag_building_Berlin_view_from_west_before_sunset.jpg?uselang=de
Reichstagsgebäude (Berlin) kurz vor herbstlichem Sonnenuntergang. Jürgen Matern / Wikimedia Commons, CC-BY-3.0 http://www.juergen-matern.de/ | https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Reichstag_building_Berlin_view_from_west_before_sunset.jpg?uselang=de

 

Am Parlament vorbei entscheiden

Die Besonderheit dabei: Fachpolitiker*innen aus dem Parlament wurden nicht miteinbezogen, stattdessen tagten Vertreter*innen der Ministerien. Vorbild dafür ist der hessische Landtag, der in seiner Landesverfassung einen solchen “Super-Ausschuss” für Übergangszeiten von Parlamenten vorsieht.

Das GroKodil steckt den Kopf in den Sand

Das kann man an sich schon für einen Skandal halten, aber es kommt noch besser. Wie Lisa Caspari in der ZEIT berichtet, lies sich die SPD auffällig schnell von dem Vorschlag der Unionsfraktion überzeugen, und zwar aus folgendem Grund:

[E]s [gab] da einen unliebsamen Antrag der Grünen und der Linken zum Gebaren von Angela Merkels CDU in der NSA-Affäre. Aus atmosphärischen Gründen wollten die Sozialdemokraten im Bundestag nicht mitstimmen [meine Hervorhebung].

Im Klartext: Nur weil man dem zukünftigen Koalitionspartner nicht vor den Karren fahren will, begräbt man mal eben den größten Überwachungsskandal in der Geschichte der Bundesrepublik, ach was, der Weltgeschichte, als wäre nichts gewesen.

Damit delegitimiert sich für mich die SPD endgültig als legitime Kraft im Kampf für Bürger*innenrechte in Deutschland. Diese rückgratlose Form der Anbiederung an den Status Quo merkelschen Durchregierens ist einfach nicht mehr zu ertragen.

Kein Ermittlungsverfahren gegen die NSA

Passend dazu: Der Generalbundesanwalt sieht von einem Ermittlungsverfahren gegen die NSA ab, weil er diplomatische Verwerfungen mit den USA befürchtet. Wie die ZEIT berichtet, äußerte sich Harald Range im November 2013 in einem Interview mit dem Deutschlandfunk folgendermaßen:

Mir ist bewusst, dass schon die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens im politisch-diplomatischen Bereich eine ganz schwerwiegende Nachricht sein könnte [meine Hervorhebung].

Als ob nicht die “ganz schwerwiegende Nachricht” des Jahres 2013 in der anlasslosen Totalüberwachung aller Bürger*innen durch die NSA (und verbündete Geheimdienste) bestünde, sondern in der Tatsache, dass sie durch Edward Snowden bekannt wurde und man sich hierzulande in irgendeiner Form dagegen wehren wollen könnte.

In Anbetracht der offensichtlichen Verstrickungen der deutschen Geheimdienste mit der NSA kann und sollte dies meiner Meinung nach einerseits auf keinen Fall als nationales, antiamerikanisches Projekt betrieben werden, sondern als transnationale Solidarität unter Bürger*innen gegen die Aushöhlung der Demokratie durch die Geheimdienste.

Andererseits kann realistisch gesehen, wenn überhaupt, nur auf staatlicher Ebene, oder eher noch auf europäischer Ebene politisch etwas erreicht werden, um dem außer Kontrolle geratenen Überwachungswahn etwas entgegenzusetzen.

Mehr lesen und hören:

[Podcast] Logbuch:Netzpolitik, Folge 87: “Kusselkopf.” (28.11.2013) – Linus Neumann und Tim Pritlove betreiben unter anderem “präemptive[s] Kopfschütteln über die anstehende Große Koalition”.

[Podcast] Logbuch:Netzpolitik, Folge 84: “Zielpersonenspezifische Ausleitung.”  – Linus Neumann und Tim Pritlove beschäftigen sich unter anderem mit dem netzpolitischen Horrorkatalog der Großen Koalition (mehr Überwachung der Bürger*innen an allen Ecken).

Anmerkung: Logbuch:Netzpolitik ist meiner Meinung nach generell ein sehr empfehlenswerter Podcast in Sachen Netzpolitik. Ich habe hier nur mal zwei Folgen herausgegriffen, die sich verstärkt mit der GroKo beschäftigen.

 

Obama Returns To Berlin In The Midst Of NSA Surveillance Scandal

Obama returns to Berlin in the midst of NSA surveillance scandal

“It is the height of naivete to think that once collected this information won’t be used [. . .] This is the nature of secret government organizations. The only way to protect the people’s privacy is not to allow the government to collect their information in the first place.” – Wolfgang Schmidt, former Stasi lieutenant colonel 1

In the midst of the NSA surveillance scandal, President Barack Obama returned to Berlin for a second visit. But this time, the enthusiasm among the German public at large was much lower than when he first visited the capital of Germany as presidential candidate in 2008. Back then, the term ‘Obamania’ described Germans’ overwhelming support for Barack Obama.

"Your privacy ends here. PRISM/NSA" - Picture of a protest against the NSA's spying at Checkpoint Charlie in Berlin from Digitale Gesellschaft, used under the Creative Commons Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0) license Source: https://secure.flickr.com/photos/digitalegesellschaft/9076855346/sizes/l/in/set-72157634191380643/
“Your privacy ends here. PRISM/NSA” – Picture of a protest against the NSA’s spying at Checkpoint Charlie in Berlin from Digitale Gesellschaft, used under the Creative Commons Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0) license Source: https://secure.flickr.com/photos/digitalegesellschaft/9076855346/sizes/l/in/set-72157634191380643/

Apart from the revelations about the extent of the American intelligence services’ surveillance of the Internet, the continuation of other practices of the Bush administration’s ‘Global War On Terrorism’ is worrying to many of Obama’s former German fans.

On Wednesday, June 19, Obama held a speech in Berlin at the Pariser Platz, the location of the Brandenburg Gate.

Here it is (from CNN):

Perhaps the most notable item within in a speech full of nice-sounding generalities was the offer towards Russia to reduce some of each country’s nuclear arsenal.

Read more:

Memories of Stasi color Germans’ view of U.S. surveillance programs.” (Matthew Schofield, McClatchy, 2013/06/26) – “It is the height of naivete to think that once collected this information won’t be used [. . .] This is the nature of secret government organizations. The only way to protect the people’s privacy is not to allow the government to collect their information in the first place.” – Wolfgang Schmidt, former Stasi lieutenant colonel

Obama calls for reduction in nuclear arms in broad-brush Berlin speech.” ( and Guardian, 2013/06/

Obama loses German hearts and minds ahead of Berlin visit.” (Marc Young, The Ticket, Yahoo! News, 2013/06/18)

auf deutsch:

Obama in Berlin: Wenn ein Präsident träumt.” (Andreas Öhler, Zeit Online, 19.06.2013) – Barack Obama hat in seiner Berlin-Rede 2013 bewusst den Bombast seiner Vorgänger weggelassen.

Obama zu Besuch in Berlin: Der entzauberte Präsident.” (Matthias Kolb, Süddeutsche.de, 18.06.2013)

Obama in Berlin – Scharfschützen, Taucher, verplombte Gullis.” (Süddeutsche.de, 18.06.2013)

 

  1. Memories of Stasi color Germans’ view of U.S. surveillance programs.” (Matthew Schofield, McClatchy, 2013/06/26)

Hungarian Prime Minister Orbán Compares German Chancellor Merkel To Nazis

Hungarian Prime Minister Orbán Compares German Chancellor Merkel To Nazis

Nazi comparisons remain popular, but in most cases they are absolutely inappropriate and not based on facts.

Latest case in point: Hungarian Prime Minister Viktor Orbán made a thinly veiled reference linking German Chancellor Angela Merkel’s criticism of Orban’s authoritarian tendencies to Nazi Germany’s invasion of Hungary in 1944.

To be fair, Merkel’s rhetoric about not bringing in the cavalry was perhaps not the best wording against the historical background.

Nevertheless, in my opinion, Orbán’s remark was absolutely absurd and willfully deceptive, coming from a politician whose party has been actively working to erode democracy in Hungary while tolerating open antisemitism and violent neo-fascist movements.

There are valid criticisms of Angela Merkel and her party, for sure, but comparing her to the Nazis is certainly not one of those. Judging by the recent political record, it is instead Viktor Orbán and Fidesz, who have exposed themselves as some of the true enemies of democracy in the midst of Europe.

Viktor Orbán may score some political points with his nationalist base using such rhetoric, but he should make no mistake: the rest of Europe knows what he is up to.

The slipping of Hungary into authoritarianism must be stopped.

Read more:

The Fog of Amendment.” (Kim Lane Scheppele, New York Times, 2013/03/12) – On the Hungarian parliament’s constitutional amendment that does away with an independent judiciary.

Auf deutsch:

Reaktionen auf Nazi-Vergleich: Vereint gegen Orbán“. (Florian Gathmann, Spiegel Online, 20.05.2013)

Ungarns Regierungschef brüskiert Deutschland mit Nazi-Vergleich” (tagesschau.de, 20.05.2013)

Ungarn: Parlament entmachtet Verfassungsgericht.” (Stern.de, 11.03.2013)