Go East: Mein Weg In Die Neue Heimat Sachsen

Dieser Beitrag ist im Rahmen einer von Katja Wenk gestarteten Blogparade zum Thema “Was ist Eure Heimat?” entstanden.

Episode I: Das niedersächsische Flachland

Wer wie ich in den 1990er Jahren mit dem deutschen Fernsehen aufwuchs, dem dämmerte es irgendwann unweigerlich: Hannover hat ein Imageproblem. Harald Schmidt, der Chefzyniker der gehobenen abendlichen Fernsehunterhaltung und Erfinder des Begriffs „Unterschichtenfernsehen“, ließ keine Gelegenheit aus, über die Mittelmäßigkeit der niedersächsischen Hauptstadt an der Leine herzuziehen. So beschrieb er sie einmal als „Stadt mit dem gewissen Nichts“. Hässlich! Bausünden! Altherrenrock! Kirmestechno! Scorpions! Scooter! Schützenfest! Ja, genau da komme ich auch zufällig her. Hätte es damals schon Hipster gegeben, man hätte sie in Hannover mit der Lupe suchen müssen.

Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Eigentlich bin ich nämlich vom Dorf. Zugegeben, wenn man den statistisch korrekten Blick auf die Angelegenheit wirft, handelt es sich bei Ronnenberg, 30 km vor Hannover, offiziell um eine Stadt. Aber was sind schon ca. 6.000 Einwohner*innen?

Das Örtchen war ein Idyll der niedersächsischen Provinz, wenn Ihr versteht, was ich meine. Eine Bundesstraße führte an der einen Stadtgrenze vorbei, jenseits davon lagen die Äcker. Wie es sich seit Urzeiten für norddeutsche Qualitätsorte gehört, gab es eine evangelische und eine katholische Kirche. Im protestantisch geprägten Niedersachsen stand erstere natürlich in der Ortsmitte, die Katholiken waren dagegen etwas weiter ab vom Schuss. Es gab eine Bankfiliale, ein kleines Industriegebiet und einen Sportplatz. Ansonsten bemühten sich Neubaugebiete mit auffällig unauffälligen Doppelhaushälften und Carports, dem Auge der bürgerlichen Mittelschicht zu schmeicheln.

Damit die Kinder auch etwas lernen können—sie sind ja bekanntlich unsere Zukunft—gab es eine Grundschule und eine Orientierungsstufe. Denn damals wurde in Niedersachsen erst nach der sechsten Klasse sozial aussortiert. Am anderen Ende dieses sehr schlauchförmigen, langgezogenen Ortes hatten sie ein paar Supermärkte hingebaut. Zweckmäßig trifft es wohl am besten. Schön nicht unbedingt.

Als Jugendlichem wird einem irgendwann bewusst, wie öde das manchmal sein kann. Bezeichnend dafür war derjenige Teil der Dorfjugend, den man regelmäßig in übertrieben getuneten VW Golf oder günstigeren Kleinwagen am Rondell der zentralen Bushaltestelle antreffen konnte. Uzz-Uzz-Uzz-Uzz! Bonjour Tristesse. Im Rückblick glaube ich nicht, dass es ihnen gelungen ist, die innere Leere mit dem Subwoofer zu übertönen. Wobei wir in unserem Ort noch Glück hatten. Mit Bus und Bahn kam man relativ schnell von der Peripherie bis in die Innenstadt.

Als ich vierzehn war, zogen meine Eltern direkt nach Hannover um, und ab dem Zeitpunkt kam ich nur noch als regelmäßiger Gast aufs Dorf raus, immer wenn ich meine alten Freunde besuchte. Als Wandelnder zwischen den Welten hatte ich regelmäßig das Problem, den letzten Regionalbus nach Hause geradeso noch erwischen zu müssen und nicht Stress mit irgendwelchen unvermeidlichen Idioten zu bekommen, die des öfteren mitfuhren. Von denen gab es in meiner niedersächsischen Jugend leider mehr als genug.

Episode II: Im Osten geht die Sonne auf.

Nachdem ich nicht ganz freiwillig „Deutschland diente“, indem ich als Zivildienstleistender in einem Krankenhaus half, die Kosten des Gesundheitssystems zu senken, verschlug es mich schließlich zum Studium nach Halle an der Saale. Was ich denn da „in der Zone“ wolle, meinten einige meiner Freund*innen und Bekannten halb im Scherz. Zugegeben, ich hatte auch erst nachgeschaut, wo genau das liegt, als ich eine Zusage in den Händen hielt.

Doch dann ging alles ganz schnell. Ehe ich mich versah, hatte ich innerhalb von ein paar Wochen „rübergemacht“ nach Sachsen-Anhalt. Damit war ich in meinem Umfeld zu so etwas wie einem Pionier geworden, denn ich kann mich nicht an besonders viele andere „Verrückte“ erinnern, die es mir nachgetan haben. Die gängigen Ost-Klischees kannte ich natürlich aus dem Fernsehen: Die Ossis sprächen alle komisch, nämlich „ostdeutsch“ (sächsisch), sie meckerten gerne über alles, und überhaupt seien die neuen Bundesländer die Brutstätte des Vierten Reiches.

So ganz hatte ich das alles auch damals schon nicht geglaubt, aber während meines Studiums lernte ich an der Uni viele großartige Menschen aus der Region kennen, aber auch aus ganz Deutschland und dem Rest der Welt.

Halle war zwar nur etwa halb so groß wie meine Heimatstadt Hannover, aber ich liebte es, ohne Probleme mit dem Fahrrad überall hinzukommen. In der neuen Studiensituation war mir ganz recht, dass zumindest räumlich alles etwas überschaubar blieb. Ich war mir sicher, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, vorübergehend aus meinem alten Umfeld rauszugehen, einen Tapetenwechsel vorzunehmen, Neues kennenzulernen. Ich lebte mich in meiner neuen Heimat gut ein.

Als Quotenwessi in meiner WG gab es natürlich kein Entkommen vor diversen Scherzen. Aber auch ich habe mir natürlich einen Spaß daraus gemacht, mich darüber zu amüsieren, wenn wir uns mal wieder irgendwo “um ölf” treffen wollten.

Als ich mein Bachelorstudium beendete und die Stadt verließ, war ich vor allem traurig darüber, dass ich einige meiner Freund*innen von nun an nur noch selten sehen würde. Denn sie verschlug es genau wie mich auch wieder einmal in alle Himmelsrichtungen. Und wenn man ehrlich ist, kann kein Versenden von SMS, Chats, oder Videotelefonie die körperliche Anwesenheit ernsthaft ersetzen. Das sage ich als überdurchschnittlich online-affiner Mensch, als digitaler Migrant, der mittlerweile unter digitalen Eingeborenen lebt.

Doch ich blieb in der Region. Kurze Zeit später setzte ich meine Studien nicht weit entfernt in Leipzig fort. Wieder neue Gesichter, neue Herausforderungen, Wurzeln in einer neuen Stadt schlagen. In der sächsischen Metropole an Elster und Pleiße, so lernte ich, blickt man manchmal ein wenig auf das benachbarte Halle herab. Es gilt als provinzieller, weniger schick, und ja, es hat nicht das Großstadtflair der großen Schwester. Irgendwie stimmt das schon alles, aber mit den richtigen Leuten kann es überall schön sein. Zumindest empfand ich das so.

An Leipzig gefällt mir besonders die Mischung zwischen großstädtischer Atmosphäre und Überschaubarkeit, denn auch hier kann man noch recht gut alles mit dem Fahrrad erreichen. Es gibt einige schöne Parks, eine Seenlandschaft und ein sehr diverses Nachtleben, in das man sich stürzen kann. Als großen Gewinn empfinde ich auch, dass die Uni immer neue Leute von überall her in die Stadt spült.

In meiner Wahrnehmung ist Leipzig auch noch eine Stadt in Bewegung. An vielen Stellen kann man noch dem Unfertigen, Unperfekten begegnen. Ich finde das sehr charmant. In den Jahren, die ich hier verbracht habe, ist mir Leipzig sehr ans Herz gewachsen. Wenn ich heute in den Zug steige und mich in Richtung Nordwesten begebe, dann komme ich als Gast. Denn meine Heimat, die ist mittlerweile hier.

Episode III: Die Große Unbekannte

Seitdem ich mein Studium beendet habe und die Zukunft noch offen ist, steht für mich die Frage im Raum, wo es als nächstes weitergeht. In manchen Momenten kommt es mir schon ein wenig wie eine Lotterie vor. Ich bewerbe mich nämlich kreuz und quer durchs ganze Land. Gut möglich, dass es bald heißt, meine Zelte in Leipzig abzubauen und an einem mir noch nicht vertrauten Ort einen Neubeginn zu wagen.

Einerseits freue ich mich natürlich über die Aussicht, mit einem richtigen Job durchzustarten. Andererseits sind die Mobilitätsanforderungen der heutigen Zeit nicht gerade hilfreich für die Pflege eines sozialen Umfelds. Vielleicht hilft es, sich vorzustellen, dass man die Heimat als Summe der eigenen Erfahrungen in seinem Koffer mit sich trägt.