Jugendliche Lassen Ihr Aussehen Auf YouTube Bewerten

Jugendliche lassen ihr Aussehen auf YouTube bewerten

Befragung der Netzgemeinde

Die Pubertät ist wohl für die meisten eine Zeit großer Unsicherheit und schwieriger Selbstfindung. Insbesondere das eigene Aussehen und die Ausstrahlung auf andere ist ein heikles Thema.

Wie das jetzt Magazin der Süddeutschen Zeitung berichtet, hat sich in letzter Zeit ein seltsames Phänomen im Netz entwickelt: Jugendliche, besonders Mädchen, stellen Videos von sich ins Netz und fragen: “Bin ich schön?”

Jugendliche fragen auf YouTube: "Bin ich hässlich?" - Bildschirmfoto
Jugendliche fragen auf YouTube: “Bin ich hässlich?” – Bildschirmfoto

Haters gonna hate

Wer sich schon einmal die Kommentare unter beliebigen YouTube-Videos angesehen hat, kann sich denken, dass hier die Katastrophe vorprogrammiert ist. Sicher gibt es auch durchaus positive Äußerungen. Aber das Problem sind die garantiert auftauchenden abschätzigen Bemerkungen, bis hin zu Aufforderungen zum Selbstmord. Dem Selbstwertgefühl der Jugendlichen dürfte das in vielen Fällen nicht gerade dienlich sein.

Interessant ist natürlich die Frage, warum die Jugendlichen sich dem Urteil der gesamten Netzöffentlichkeit aussetzen.

Casting-Shows als Vorbild?

Vorbilder gibt es in der derzeitigen deutschen Medienlandschaft ja viele. Ich denke da zum Beispiel an Casting-Shows, deren angenommener Unterhaltungswert darin besteht, genüsslich zu beobachten, wie junge Menschen sich den sarkastischen Kommentaren und Werturteilen einer Jury etablierter Vertreter der Unterhaltungsindustrie ausliefern, in der meistens vergeblichen Hoffung, “Superstar” oder “Topmodel” zu werden.

Bin ich hässlich?” (Nadja Schlüter, jetzt.de, 24.11.2013)

Passend dazu:

Busen zum Geburtstag: Verbot von Schönheits-OPs bei Minderjährigen.” (Christina Berndt und Anna Günther, Süddeutsche, 02.12.2013) – Gesundheitsexpert*innen von CDU und SPD planen ein Verbot von Schönheits-Operationen bei Minderjährigen, es gibt offensichtlich eine große Nachfrage.

 

Idiotische Selfies: Holocaust-Gedenkstätten-Sonderausgabe

Idiotische Selfies: Holocaust-Gedenkstätten-Sonderausgabe

Allgegenwärtige, triviale Social-Media-Fotografie

Es ist ja bereits viel darüber geschrieben worden, wie die Techniken der Social-Media-Fotografie mithilfe des Smartphones optischen Müll produzieren können, Triviales emporheben und mit Banalitäten Aufmerksamkeit erhaschen wollen.

Die perfekte Verkörperung dieser Erscheinung ist der Selfie, das mit dem eigenen Smartphone aufgenommene Selbstportrait für die Darstellung in sozialen Netzwerken.

Jung und naiv, bewaffnet mit Technologie

Um eines vorweg zu stellen: Wir waren alle mal jung und dumm, ich ganz explizit eingeschlossen. Nur gab es, als ich vierzehn Jahre alt war, noch keine Smartphones mit guten Kameras. Das Selfie war noch Lichtjahre entfernt. Vielleicht ist das mein Glück, wer weiß. Heute wird alles fotografiert und landet, angereichert mit hippen Retro-Filtern und garniert mit Hashtags, auf Facebook, Instagram und Konsorten.

Soweit, so normal. Ich bin weder gegen Technologie noch gegen jugendlichen Leichtsinn. Den Mantel des spießigen Mecker-Opas will ich mit beileibe noch nicht umhängen. Aber: Nicht alles ist lustig. Nicht alles eignet sich als gedankenlose Kulisse für die spaßige,  egoistische Selbstinszenierung. Zum Beispiel Holocaust-Gedenkstätten.

Ignoranz, Respektlosigkeit, und grenzenlose Selbstbezogenheit

Das VICE Deutschland hat gerade einen Artikel mit Fotostrecke veröffentlicht, der Instagram-Fotos mit jugendlichen Besucher*innen des Holocaust-Mahnmals in Berlin und in verschiedenen Konzentrationslagern zeigt. Auf den meisten Bildern sind sorglos lachende Jugendliche zu sehen, die sich teilweise für die Bilder in Pose werfen. Die Bilder sind oft mit Vintage-Filtern bearbeitet und mit allerlei Hashtags versehen.

#YOLOcaust und #Instacaust – Idiotische und taktlose Hashtags

Eine kleine Auswahl von Hashtag-Kombinationen auf den Bildern aus dem VICE-Artikel:

  • #Auschwitz #chillywilly [Erklärung laut urbandictionary.com: “Chilly Willy: To injest alcohol through the nose via snorting, in order to get the alochol into your system quicker. Often done out of the concave bottom of a shot glass. That chilly willy was fun huh? wait…get up, why are you passed out?“] – Saufen in Auschwitz.
  • #Buchenwald #KZ #Hipster #abgehen – Typ macht ein Kissyface vor dem Spiegel.
  • #Treblinka #Arbeitmachtfrei #Treblinka #ZyklonB #feelgood – Welche Gründe kann es geben, um sich bei dem Thema gut zu fühlen?
  • #Dachau #mensfashion #fresh #dope – Genau, beim Besuch eines Konzentrationslagers geht es darum, wie schick Du in deinen Klamotten aussiehst.
  • #Holocaustmemorial #Berlin #fun #goodtimes – Für dich vielleicht, aber nicht für 6 Millionen ermordete Juden und Jüdinnen.
  • #Holocaustmemorial #Berlin #chelseaboots – Genau, es geht um deine heißen Stiefel.
  • #Treblinka #Swag – Alles dreht sich um dein tolles Outfit.
  • #instacaust – Ohne Worte.
  • #Holocaustmemorial #Interrailing – Züge und Konzentrationslager: War da nicht etwas?
  • #Dachau #crazy #Germans – Eine leichte Untertreibung, könnte man denken.
  • #Berlin #Yolocaust – Ohne Worte.
  • #Dachau #perfect #country – Ohne Worte.
  • #Berlin #Holocaustmahnmahl #bisschentouripipapo – Ohne Worte.
  • #Sachsenhausen #hungry and #cold – Mädels im Urlaub können sich später noch in einem schicken Café aufwärmen und etwas essen—KZ-Häftlinge konnten das nicht.
  • #Buchenwald #KZ #girls #bestes #wetter – Schönes Wetter, gut für euch! Kommentare unter dem Foto: “wenn das die juden wüssten :p“ – „die gibts nicht mehr :p”
  • #Holocaustmahnmal #hot #boy #nice – Wie schön, dass du dich locker in Szene setzen kannst—sechs Millionen Juden können das nicht.
  • #terezin [Theresienstadt] #fascism #follow4follow – Ohne Worte.

Was tun gegen den #YOLOcaust?

Wer ist schuld? Ich gebe den Jugendlichen für Ihre Ahnungslosigkeit nur eine Teilschuld. Zwar wachsen sie heute in einer Welt auf, die ihnen wie keiner Generation zuvor eine derartige Masse an Informationen bietet. Andererseits habe ich mich selbst mit vierzehn Jahren ehrlich gesagt kein Stück für Geschichte interessiert. Das kam alles etwas später. Aber liebe Eltern, Lehrer*innen, Reiseveranstalter*innen—Bitte klärt sie besser auf.

Ich brauche wohl nicht noch einmal betonen, wie furchtbar ich diese erschreckend naiven und geschmacklosen Instagram-Postings finde. Wenn man sich wenigstens ein bisschen mit der NS-Geschichte beschäftigen würde, käme man vielleicht von selbst auf die Idee, so etwas zu unterlassen.

Ich denke, dieser Umgang mit dem Holocaust macht deutlich, dass weiterhin eine Notwendigkeit besteht, über die NS-Geschichte aufzuklären und historisches Wissen weiterzugeben.

Die Jugendlichen auf den Fotos sind mit Sicherheit nicht alle nur aus Deutschland. Insofern gilt der Appell, bessere Geschichtsbildung zu fördern, über die Grenzen der BRD hinaus.

Aber wir hier in Deutschland sollten dennoch alles tun, damit solche Gedankenlosigkeit im Umgang mit der Vernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen durch die Deutschen im Dritten Reich sich nicht weiter ausbreitet.

Mehr lesen:

Hashtags, die du für dein Holocaust-Gedenkstätten-Selfie nicht verwenden solltest.” (Hektor Brehl, VICE Deutschland, 20.11.2013)