Soziale Medien und öffentliche Institutionen (Konferenz, Tag 2)

Soziale Medien und öffentliche Institutionen (Konferenz, Tag 2)

[Den Bericht zum ersten Tag der Konferenz gibt es hier.]

[Update] Die Folien zu einigen Vorträgen gibt es auf Slideshare hier zu sehen.

Am zweiten Tag der Konferenz Soziale Medien und öffentliche Institutionen gab es zwei große Themenbereiche: Bürger*innenservice und politische Kommunikation.

“Social Media und das D115-Wissensmanagement.” (Sabine Griebsch, Bitterfeld)

Wissensmanagement

Sabine Griebsch (informationstraeger.de) berichtete in ihrem Vortrag über soziale Medien im Zusammenspiel mit einem zentralen Service für Bürger*innenanfragen, dem D115-Wissensmanagement.

Im Rahmen von D115 wird über Servicecenter eine breite Palette an Dienstleistungen angeboten. Leistungsbeschreibungen werden bereitgestellt und Informationsabfragen ermöglicht.

Bisher erfolgte der Zugang zum Angebot über altbekannte Kanäle, wie etwa telefonische oder schriftliche Anfragen.

Soziale Medien als weiterer Kanal des Wissensmanagements

Doch seit geraumer Zeit werden auch zunehmend Anfragen über das Internet im Allgemeinen und neuerdings auch über soziale Medien ermöglicht.

Als Beispiel fungierte das Hochwasser in Teilen Deutschlands im Juni 2013. In dieser Zeit richteten sich viele Verwaltungen Konten auf sozialen Netzwerken ein. Dudurch, so Griebsch, hätten Verwaltungen implizit einen weiteren Informationskanal eröffnet, der-das ist die Besonderheit-rückkanalfähig ist, also einen Dialog ermöglicht.

Warum Social Media?

Ein Grund dafür, Serviceangebote öffentlicher Verwaltungen auch über soziale Netzwerke zugänglich zu machen, liegt im veränderten Nutzungsverhalten der Bürger*innen. Laut der Studie „eGovernment MONITOR 2011“ von D21 2011 drei Viertel aller Nutzer*innen mindestens in einem sozialen Netzwerk aktiv.

Zentrales Wissensmanagement mit sozialen Medien

Die Einbettung von sozialen Medien in ein zentrales Wissensmanagement bietet aus Verwaltungssicht mehrere Vorteile:

  • Die Qualität der erfassten Daten und Auskünfte kann gesichert werden
  • Der Service kann Regionen- und ebenenübergreifend Anfragen beantworten
  • Externes Wissen kann eingebunden werden

Des weiteren gibt es weitgehend keine begrenzten Sprechzeiten, Regionalgrenzen verschwinden, Sprachbarrieren können technisch überwunden werden (zum Beispiel mit Facebook-Translation-Apps), und die Generation der Digital Natives kann besser erreicht werden.

Griebsch plädierte dafür, soziale Medien nicht abgegrenzt sondern als Teil einer Multikanalstrategie von Verwaltungen zur öffentlichen Information zu nutzen. Dadurch könne ein optimaler Service für Bürger*innen entstehen.

“Wiener Charta. Zukunft gemeinsam leben. Verbindung von Social Media und Offline-Kommunikation.” (Dr. Ursula Struppe, Wien)

Dr. Ursula Struppe, Dienstellenleiterin der Wiener Magistratsabteilung 17 “Migration und Diversität” und Vertreterin des Projekts Wiener Charta stellte am Beispiel Wien vor, wie Großstädte im 21. Jahrhundert das Zusammenleben einer diversen Bevölkerung organisieren können und dabei soziale Medien und Offline-Kommunikation verbinden können.

Großstädte wie Wien sind der Lebensmittelpunkt einer vielfältigen Bevölkerung, deren Diversität auch durch Zuwanderung geprägt ist. Sie alle stehen vor der Frage, wie es gelingen kann, einen sozialen Zusammenhalt und ein respektvolles Klima der Solidarität zu gewährleisten.

Das Konzept der Wiener Charta

Das Projekt Wiener Charta verfolgte das Konzept, unter Miteinbeziehung der Bürger*innen nach Ideen für das Zusammenleben zu suchen. Dabei wurden klassische Bürger*innenversammlungen mit Online-Diskussionen kombiniert.

Nicht alles stand dabei zur Diskussion, so Struppe. Die Grundregeln wurden in einem Basisdokument festgehalten. Das Projekt sollte eine neue Form der Kooperation mit der Zivilgesellschaft ermöglichen.

Durch die klare Kommunikation der Prozessregeln wurde Transparenz erzeugt. Ein unabhängiger Beirat beobachtete den Entstehungsprozess.

Ideenfindung an der Basis

Bei der Wiener Charta, so Struppe, sollte es um einen Dialog gehen, nicht um ein Gesetz, das von oben vorgeschrieben wird. Das Ziel war, eine Einigung auf Grundregeln für die Zukunft des gemeinsamen Zusammenlebens aller Wiener*innen zu erreichen.

Der Entstehungsprozess der Wiener Charta

Innerhalb eines Jahres (März 2012 – November 2012) wurden Themen gesammelt, präsentiert, erneut diskutiert und die Ergebnisse als Dokument „Wiener Charta“ öffentlich vorgestellt.

Das Projekt Wiener Charta wurde mit der Unterstützung eines breiten Zusammenschlusses von NGOs, Wirtschaftsunternehmen und Vereinen beworben. Das fertige Dokument wurde bei den Kooperationspartnern aufgehängt, dabei konnten zum Beispiel Vereine ihr Logo auf das Plakat drucken lassen, was für eine höhere Identifikation mit dem Projekt sorgte.

Insgesamt fanden im Rahmen von unterschiedlichsten Veranstaltungen 651 Gespräche mit insgesamt 8500 Teilnehmer*innen statt. Sowohl die Veranstaltungsorte als auch die Ergebnisse dieser Veranstaltungen waren online einsehbar. Durch die Offline-Bürger*innenversammlungen sollte gewährleistet werden, dass auch nicht besonders netzaffine Bevölkerungsteile repräsentiert werden.

Nachdem die Themen für die Wiener Charta offline gesammelt worden waren, fand in einer zweiten Runde eine 24 Stunden lange moderierte Online-Diskussion statt. Aus dieser ergaben sich dann drei große Themenbereiche: “miteinander auskommen”, “nicht immer dasselbe” und “aufgeräumt wohlfühlen”.

Fazit: Transparenz und die Kombination von Online und Offline schafft Akzeptanz

Frau Dr. Struppe bemerkte, dass das Projekt Wiener Charta nicht zuletzt aufgrund der Transparenz des Entstehungsprozesses auf breite Zustimmung stieß. Die Kombination von Online und Offline half, Bevölkerungsschichten zu erreichen, die bei reinen Internet-Umfragen wahrscheinlich nicht mit abgebildet worden wären.

Die Wiener Charta

“Die Medienresonanzanalyse +2.0 als Instrument zur Erfassung und Bewertung von Social-Media- Kommunikation. Einblick in die Evaluationspraxis des kommunalen Verkehrsunternehmens LVB .” (Ronny Fechner, Leipzig)

Ronny Fechner, Leipziger Medienwissenschaftler und tätig bei den Leipziger Verkehrsbetrieben, berichtete in seinem Vortrag über die Social-Media-Kommunikation der LVB und die Auswertung der Kommunikation über das Unternehmen im Social Web.

Social Media bei den Leipziger Verkehrsbetrieben (LVB)

Auch bei den Leipziger Verkehrsbetrieben gewinnt die Social-Media-Kommunikation an Bedeutung. Seit 2010 sind die Leipziger Verkehrsbetriebe auf Facebook, Twitter und YouTube aktiv. Facebook und Twitter werden bei den LVB als Dialogkanäle eingesetzt, YouTube reinen Informationskanal.

Die Medienresonanzanalyse der LVB

Die Medienresonanzanalyse ist ein emprisch-sozialwissenschaftliches Verfahren. Für die LVB wurde ein Monitoring und Web-Screening durchgeführt. Als Herausforderung stellte sich die Menge der Kommunikation und die zeitliche Begrenzung zu Analysezwecken heraus, so Fechner.

Im Social Web lag der Schwerpunkt der Diskussionen zur LVB bei Servicethemen, jedoch unterschied sich die Kommunikation auf den einzelnen Plattformen recht deutlich.

Twitter

Auf Twitter wurden von Nutzer*innen sowohl Nachrichten zur LVB verbreitet als auch persönliche Eindrücke geäußert. Servicenachrichten und leichte Kritik standen dabei im Mitelpunkt.

Facebook

Auf Facebook kommentierten Nutzer*innen dagegen hauptsächlich journalistische Inhalte, die sich mit der LVB beschäftigen.

YouTube

Anders stellte sich das Nutzungsverhalten auf YouTube dar. Hier fanden sich hauptsächlich Amateuraufnahmen von Fahrzeugen wie Straßenbahnen und Bussen.

Foren

In Online-Foren diskutierten Nutzer*innen sehr kritisch zum Thema Service der LVB.

Blogs

Auf Blogs schrieben Nutzer*innen schwerpunktmäßig ihre persönlichen Eindrücke zur LVB nieder. Darüber hinaus gab es auch Nachrichten zur LVB zu lesen.

Wikipedia

In der größten Enzyklopädie der Welt finden sich sehr detaillierte Informationen zur LVB mit Schwerpunkt auf Service und Unternehmenspolitik.

Fazit: Die Medienresonanzanalyse ist sinnvoll für das Web 2.0

Fechner schlussfolgerte, dass sich die Medienresonanzanalyse auch als Evaluationwerkzeug für das Web 2.0 eignet. Eine weitere Erkenntnis lag darin, dass klassische Medienarbeit die Kommunikation im Web 2.0 durchaus beeinflussen kann. Auf Unternehmensseite sind allerdings Social-Media-Richtlinien stark zu empfehlen, um die Kommunikation zu organisieren.

“Parlamentsabgeordnete im Internet – Neue Wege Politischer Kommunikation?” (Lars Vogel und Daniel Dwars, Uni Jena)

Eine weit verbreitete Vorstellung lautet, dass das Internet zwangsläufig eine bessere politische Repräsentation ermöglicht. Doch die Kommunikationsmittel finden innerhalb eines sozialen Kontexts statt, was diese Annahme verkompliziert. Die Politikwissenschaftler Lars Vogel und Daniel Dwars erläuterten diese Zusammenhänge in ihrem Vortrag.

Das theoretische Verhältnis von Bürger*innen und Politiker*innen

Politiker*innen und Bürger*innen stehen innerhalb einer repräsentativen Demokratie zueinander in einer Prinzipal-Agent-Beziehung. Bürger*innen als Prinzipal*innen werden von Politiker*innen als Agent*innen repräsentiert. Der politische Wettbewerb bringt wiederum mehrere Agenten (die Parteien) hervor, die sich innerhalb der parlamentarischen Systems in einer antagonistischen Kooperation befinden.

Entgegengesetzte Präferenzen

Die Repräsentant*innen (Politiker*innen) wollen sich grundsätzlich ihre Handlungsautonomie gegenüber den Prinzipal*innen (Bürger*innen) bewahren. Darüber hinaus wollen sie sich von politischen Mitbewerber*innen abheben.

Dagegen wollen die Prinzipal*innen (Bürger*innen) stärkere Kontrolle über die Repräsentant*innen (Politiker*innen) ausüben.

Das Internet hat diese gegensätzlichen Interessen noch verschärft. Der Wunsch nach reagierenden Repräsentant*innen gehört zum Politikverständnis der breiten Bevölkerung.

Strategien zur Sicherung der Handlungsautonomie

Laut Vogel und Dwars entwickeln Repräsentant*innen im Internet Strategien, um sich ihre Handlungsautonomie zu sichern.

Dazu gehört die Betonung anderer Inhalte, als der von Bürger*innen gewünschten, um die Forderung nach Responsivität zu mindern.

Repräsentant*innen nutzen dazu selektive Transparenz und selektive Responsivität.

Ein Beispiel dafür ist der “Zukunftsdialog” der Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Aus Sicht der Politiker*innen spielt der innerparteiliche Wettbewerb dabei eine wichtige Rolle. Die überbordernde Frage lautet: Wie kann der*die Abgeordnete zum Wahlergebnis beitragen.

Datengrundlage

Vogel und Dwars’ Studie basiert auf frei verfügbare Daten zu Abgeordneten.

Politische Kommunikation im Web 1.0

Vogel und Dwars’ Studie beschäftigte sich nicht schwerpunktmäßig mit dem Social Web, sondern klassischen Websites von Politiker*innen als Bestandteil des Web 1.0. 52% der Abgeordneten hatten aktuelle Websites, mehr als 1/3 hatten einen RSS-Feed, 53% der Websites waren nutzer*innenfreundlich.

Schwerpunkte: Was gibt es (nicht) zu sehen?

Thematisch boten die meisten Abgeordneten auf ihren Websites Informationen zum Wahlkreis, private Informationen zu ihrer Familie und ihren Hobbies, sowie politische Streitfragen.

Dagegen gab es nur bei ca. 20% aller Abgeordneten Informationen zu ihrem Abstimmverhalten zu sehen. Dies sei ein Beispiel für die von Politiker*innen praktizierte selektive Transparenz.

Insgesamt folgen Politiker*innen im Internet eher dem Top-Down-Kommunikationsmodell, indem sie zwar Informationen bieten, aber darüber hinaus aber wenig Möglichkeiten zur Interaktion.

Vogel und Dwars sprachen in diesem Zusammenhang von einer Umlenkung durch technische Hilfsmittel.

Unterschiede im politischen Spektrum

Dennoch gab es je nach Verortung im politischen Spektrum Unterschiede bei der Nutzung des Internets. Im weitesten Sinne linke Parteien setzten gemäß ihres Politikverständnisses generell mehr auf Emanzipation, Transparenz und Partizipation.

Bei konservativen Parteien hingegen lag der Schwerpunkt auf der Darstellung der eigenen Person. Dabei wurde oftmals versucht, über die Verwendung nicht-professioneller Fotos Bürger*innennähe darzustellen.

Fazit: Politiker*innen folgen nicht dem Willen des Internets

Entgegen der Vorstellung, dass das Internet zwangsläufig die politischen Repräsentant*innen zu mehr Responsivität gegenüber ihren Wähler*innen zwingt, üben sich Politiker*innen im Internet zunehmend in Vermeidungsstrategien, um sich die Handlungsautonomie gegenüber den Bürger*innen zu sichern. Die Strategie von Politiker*innen im Internet folgt dem Primat der Politik.

„Internetnutzung von Kommunalpolitikern für den Dialog mit Bürgern.“ (Sebastian Stieler, Borna)

Sebastian Stieler, Kommunikations- und Medienwisenschaftler und Stadtrat im sächsischen Borna (parteilos), berichtete in seinem Vortrag über die Internetnutzung von Kommunalpolitiker*innen in Bezug auf den Bürger*innendialog.

Die Studie

Stielers Studie basierte auf einer Online-/Offlinebefragung von 700 Kommunalpolitiker*innen der damaligen Stadtdirektion Leipzig, bei der alle Politiker*innen, die eine eigene Website betrieben, aufgenommen wurden (Stand 2011).

Das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 54 Jahren, 75% waren Männer und das Bildungsniveau war überdurchschnittlich hoch: 80% hatten mindestens Abitur.

Warum eigentlich eine Website?

Diejenigen Kommunalpolitiker*innen, die eine eigene Website betrieben, reagierten damit zuerst einmal auf eine Erwartungshaltung der Bürger*innen.

Sie erhofften sich darüber hinaus eine größere Unabhängigkeit von den Massenmedien und eine stärkere Eigenkontrolle der Inhalte, mehr Bürger*innen zu erreichen und diese zur Partizipation zu animieren, sowie Rückmeldungen zu erhalten.

Als weitere Argumente für eine Website kam die Vorstellung hinzu, eine Website wäre verhältnismäßig günstig zu erstellen und mit wenig Aufwand zu betreibeneine Anmerkung meinerseits zum letzten Punkt: das hängt deutlich von den Inhalten ab, die auf der Website zu sehen sein sollen.

Warum keine Website?

Doch es gab auch Nonliner unter den Kommunalpolitiker*innen der Studie. Diese waren oft der Meinung, eine Website habe eine geringe Bedeutung für Wähler*innen. Des weiteren gaben sie als Gründe Zeitmangel, zu hohe Kosten und mangelnde technische Kenntnisse an.

Inhalte: Was gibt es (nicht) zu sehen?

Bei denjenigen Kommunalpolitiker*innen mit Website stand wenig überraschend die Kommunalpolitik im Mittelpunkt. 94% stellten Informationen zu ihrer Ratstätigkeit zur Verfügung, 88% Informationen zur eigenen Person. Darüber hinaus wurden die üblichen Kontaktinformationen angegeben.

Web 2.0 in der Kommunalpolitik

Rund ein Drittel der Befragten hatte ein Profil bei Facebook, ein weiteres Drittel war bei Twitter vertreten. Dennoch hatten 56% aller Befragten keine Profile bei sozialen Netzwerken (Stand 2011).

Stieler bemerkte, dass die Aufforderung zur politischen Partizipation, welche Kommunalpolitiker*innen als einen Grund für ihre Internetnutzung angeben, in der Praxis fast nie umgesetzt wird. Die Interaktion mit Bürger*innen fehlt also an dieser Stelle. Dieses Ergebnis deckt sich teilweise mit der Studie von Vogel und Dwars (siehe oben).

Fazit: Der Kommunalpolitik mangelt es noch an Partizipationsmöglichkeiten im Netz

Der Bürger*innendialog von Kommunalpolitiker*innen im Social Web ist an vielen Stellen noch sehr ausbaufähig. Die Entwicklung einer umfassenden Social-Media-Strategie, welche auch eine Verbindung von Online- und Offline-Kommunikation miteinbezieht, ist entscheidend für eine Verbesserung dieser Situation.

Mein Fazit zur Konferenz

Die zwei Tage der Konferenz „Soziale Medien und öffentliche Institutionen – Nutzung von Facebook, Twitter und Co. für Kommunikation und Partizipation“ haben gezeigt, dass es bereits gute Ansätze für die Verwendung der sozialen Medien innerhalb öffentlicher Institutionen gibt.

Es wurde jedoch auch deutlich, dass aufgrund institutioneller und struktureller Gegebenheiten derzeit noch große Herausforderungen bei der Integration des Social Web in die bestehenden Kommunikationsstrukturen bestehen.

Dass Konferenzen wie diese mittlerweile stattfinden, stimmt mich optimistisch. Es entsteht langsam ein Bewusstsein für die Chancen, die das Web 2.0 auch für öffentliche Institutionen bietet.

Soziale Medien und öffentliche Institutionen (Konferenz, Tag 1)

Konferenz: „Soziale Medien und öffentliche Institutionen“ (Tag 1)

[Den Bericht zum zweiten Tag der Konferenz gibt es hier.]

[Update] Die Folien zu einigen Vorträgen gibt es auf Slideshare hier zu sehen.

Wie können Soziale Medien im Rahmen öffentlicher Institutionen zum Einsatz kommen und welche Herausforderungen tun sich auf dem Weg dorthin auf? Diese Fragen auszuloten war das Ziel der Konferenz  „Soziale Medien und öffentliche Institutionen – Nutzung von Facebook, Twitter und Co. Für Kommunikation und Partizipation“, die am 20. und 21. Juni 2013 an der Uni Leipzig in den Räumen der Bibliotheca Albertina stattfand.

Die Konferenz wurde von der Koordinationsgruppe „Vergleichende Kommunikation in sozialen Medien“ an der Universität Leipzig (Prof. Dr. Gert Pickel, Prof. Dr. Ansgar Zerfaß, Prof. Dr. Astrid Lorenz) in Zusammenarbeit mit dem Sächsischen Kompetenzzentrum Landes- und Kommunalpolitik veranstaltet

Twitter-Hashtag: #smöffinst

Social Media Tag Cloud by daniel_iversen, used under the https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/ license, Source: https://secure.flickr.com/photos/daniel_iversen/5440123405/sizes/l/in/photolist-9hJ4a8-9hM9Hs-8nmkDA-bn8M8i-bzawtz-bmfDH5-bmfkad-bmfk9A-aD5w7Y-btTTPU-aJVFED-99ZJrh/
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Ich habe die Konferenz an beiden Tagen besucht, konnte aber leider nicht alles mitnehmen, da zeitgleich eine Konferenz der Amerikanistik stattfand, die ich mir als studierter Amerikanist unter keinen Umständen entgehen lassen wollte. Hier sind also meine subjektiven, unvollständigen Notizen und Eindrücke des ersten Tages.

Neuland Social Media in öffentlichen Institutionen

Yvonne Jaeckel vom Organisationsteam der Konferenz wies darauf hin, dass im Hinblick auf öffentliche Institutionen derzeit noch ein Mangel an wissenschaftlichen Studien besteht. Bezüglich der Nutzungsformen, Chancen, Risiken und Wirkungen von Social Media im Rahmen öffentlicher Institutionen existieren also noch einige Blindflecke.

„Social Media und öffentliche Institutionen – Konzeptionelle Überlegungen“ (Prof. Dr. Thomas Pleil (Darmstadt):

Dr. Thomas Pleil, Professor für Public Relations an der Uni Darmstadt, bemerkte, dass das Social Web einen vormedialen Raum produziert, in dem Öffentlichkeit auch ohne professionelle Journalist*innen entsteht. Die Intensivnutzer*innen des Web 2.0 sind gleichermaßen Produzent*innen und Konsument*innen. In einem gewissen Maße verschwindet somit die Gatekeeper-Funktion der traditionellen Medien.

Des weiteren verwies Pleil auf das Netzwerk als die zentrale Organisationsform des Informationszeitalters (nach Castells). Diese zeichne sich durch gegenseitige Unterstützung, Hilfe zur Orientierung und den Mangel an zentralisierten Hierarchien aus. Gleichermaßen sei das Agieren innerhalb (sozialer) Netzwerke mit einem nicht unerheblichen Koordinierungsaufwand und dem Management verschiedener Rollen verbunden.

Crowdsourcing

Das Social Web ist durch einen hohen Grad an Selbstorganisation gekennzeichnet. Eine kleine Auswahl an sehr verschiedenen Projekten, die genannt wurden, unterstreicht dies. So wurde etwa im Juni 2013, als es in Teilen Deutschlands (und Europas) durch Hochwasser zu Überschwemmungen kam, über Twitter mit dem Hashtag #hochwasser informiert und Hilfe mobilisiert.

Die Wikipedia ist als größte Enzyklopedie der Welt, trotz aller bekannten Bedenken zur Nutzung im akademischen Bereich, ein weiteres prominentes Beispiel für Crowdsourcing.

Plattformen zur Enttarnung von plagiierten Dissertationen deutscher Spitzenpolitiker, wie Guttenplag, sind ein weiteres Beispiel.

Aber auch kommunale Websites wie Frankfurt Gestalten zeigen, wie Beteiligung im Social Web funktionieren kann.

Netzkultur ist anders

Die Netzkultur als solche hat gegenüber der generellen Kommunikationskultur öffentlicher Organisationen einige Besonderheiten. So ist sie im Allgemeinen durch Freiheit, Emanzipation, Transparenz, ein hohes Tempo, Personalisierung, Authentizität, Vertrauen und eine informelle Tonalität gekennzeichnet. Auch entstehen innerhalb des Social Web parallel mehrere Mikroöffentlichkeiten.

Pleils Fünf Thesen zur Nutzung sozialer Medien für öffentliche Institutionen

  • Am Anfang sollte eine Bestandsaufnahme und Entwicklung einer Strategie stehen.
  • Beim Zusammentreffen von klassischer Bürokratie und Social Web gibt es Reibungspunkte.
  • Öffentliche Institutionen sind nach dem Demokratieprinzip in der Pflicht, sich an die geänderte Mediennutzung der Bevölkerung anzupassen.
  • Öffentliche Institutionen haben nur noch die Wahl, ob sie sich an der Diskussion über sie im Social Web beteiligen wollen. Denn die Diskussion findet dort längst statt.
  • Es sind keine repräsentativen demokratischen Entscheidungen über das Social Web möglich, da die Beteiligung daran nach dem 90:9:1-Prinzip (Nielsen) verläuft: 90 Nutzer*innen schauen nur zu, 9 kommentieren, 1 Nutzer*in produziert selbst Inhalte.

Herausforderungen

Laut Pleil stehen öffentliche Institutionen vor der großen Herausforderung, zuzuhören, um Bedürfnisse Themen, Orte und Akteure zu identifizieren und diese dann in die Prozesse innerhalb der Organisation zu integrieren.

Aktuell (Stand 2012) sind in Deutschland zwar die Top 30 der Kommunen im Social Web vertreten (Hanappel, 2012), die Plattformen werden allerdings meist nur als Distributionskanäle für Informationen genutzt, der Dialog mit den Zielgruppen ist dagegen die Ausnahme.

Rahmenbedingungen – „Das dürfen wir doch gar nicht!“

Derzeit sind die Rahmenbedingungen für Social Media in vielen Bundesländern jedoch ungeeignet. So gibt es vielerorts Verbote der Nutzung von Plattformen wie Facebook, Twitter oder Blogs innerhalb öffentlicher Institutionen.

In einer aktuellen Studie zur Machbarkeit von Social Media in öffentlichen Institutionen (Feldmann et al., 2013) wird auch klar warum: Das Konzept der One Voice Policy, Fragen bezüglich Persönlichkeitsrechten, Jugendschutz, Datenschutz, aber auch Vorbehalte der Mitarbeiter*innen, die zusätzliche Belastung und mangelnde Medienkompetenz sorgen für Zurückhaltung.

Es gibt also noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, bevor sich die Nutzung sozialer Medien in Deutschland im Bereich öffentlicher Institutionen großflächig etablieren kann.

Hier sind die Folien von Dr. Pleils Vortrag: http://de.slideshare.net/apalme2003/pleil-institutionenwww

„Social-Media-Instrumente im Schatten von Facebook und Twitter. Best-Practice-Beispiele aus deutschen Verwaltungen.“ (Martin Fuchs, pluragraph.de)

Social Media ist nicht nur Facebook. Was professionellen Social-Media-Manager*innen als Binsenweisheit erscheinenen mag, erschließt sich im Blick auf deutsche Verwaltungen erst beim genaueren Hinsehen.

Martin Fuchs, Gründer von pluragraph.de, einer Plattform für Social-Media-Benchmarking und Social-Media-Analyse im nicht-kommerziellen Bereich, zeigte dies anschaulich in seinem Vortrag.

Laut dem „SAS Open Government Monitor 2012“ Bürger & Freunde (http://buerger-freunde.de/) nutzen deutsche Kommunen, sofern sie im Social Web vertreten sind, hauptsächlich Facebook, Twitter und YouTube. Sie tun dies, um die Verwaltung offener zu gestalten, die Zufriedenheit und das Vertrauen der Bürger*innen zu steigern. Darüber hinaus sind Jugendliche es gewohnt, Kontaktanfragen über das Internet zu erledigen.

Erratum:

Martin Fuchs hat mich in den Kommentaren darauf hingewiesen, dass die genannten Zahlen von Bürger & Freunde (http://buerger-freunde.de/) und nicht aus dem SAS Open Government Monitor 2012 stammten. Das hatte ich während des Vortrags wohl falsch verstanden.

Als ein Positivbeispiel nannte Fuchs den Social-Media-Auftritt der Stadt Moers, einer großen kreisangehörigen Stadt im Westen des Ruhrgebiets.

Bevor es losgeht: Strategie

Fuchs berichtete aus seinem Berateralltag und der wiederkehrenden Situation, dass Kommunen an ihn herantreten, um „Social Media zu machen“. Die darauf folgende Rückfrage, warum die Kommune diese neuen Möglichkeiten eigentlich nutzen will, bildet die Grundlage zu Überlegungen zur strategischen Planung.

Was gibt es für Kommunen außer Facebook noch?

Martin Fuchs hatte einige interessante Beispiele im Gepäck.

Die Plattform Maerker Brandenburg ermöglicht es Bürger*innen in Brandenburg, ihren Kommunen Infrastrukturprobleme mitzuteilen. Falls sie Ärgernisse wie Schlaglöcher, wilde Mülldeponien oder unnötige Barrieren für ältere oder behinderte Menschen sehen, so können sie auf einer Karte einen „Maerker“ setzen und erhalten Feedback über den Stand der Bearbeitung.

Auf LeihDeinerStadtGeld werden über eine Crowdinvesting-Plattform kurzfristig kommunale Projekte finanziert. Bürger*innen leihen einer Kommune beispielsweise für den Bau einer Schule einen bestimmten Betrag über eine festgelegte Laufzeit, und bekommen das Geld verzinst zurück. Sie können die Kreditvergabe an bestimmte Kommunen mitbeeinflussen.

Verschiedene Projekte der Wikimedia Foundation eignen sich ebenfalls sehr gut für Kommunen. So entstehen oftmals sehr detaillierte Artikel in der Wikipedia. Auf Wikimedia Commons können zum Beispiel Fotos zur freien Verwendung eingestellt werden. Das Portal WikiVoyage hat den Aufbau freier Reiseführer zum Ziel.

Außerhalb der Wikipedia gibt es auch die Möglichkeit, spezielle Städte-Wikis einzurichten, die nach demselben Prinzip wie die Wikipedia funktionieren. Als Beispiel diente die nordrhein-westfälische Stadt Hamm mit dem HammWiki.

Eine weitere Möglichkeit besteht in dem Aufbau eines virtuellen Stadtgedächtnisses. Die Stadt Vechta betreibt etwa unter http://unser-vechta.de eine Plattform, auf der Nutzer*innen Fotos der Stadt unter Creative-Commonz-Lizenzen hochladen können.

Blogs bieten sich ebenfalls für die Kommunikation von Kommunen an. Eine besondere Untergattung ist in diesem Zusammenhang das Bürgermeister*innen-Blog. So schreibt beispielsweise Klaus Mohrs (SPD), Bürgermeister der niedersächsischen Stadt Wolfsburg, unter http://www.klausmohrs.de/ über die Verwaltungsarbeit der Stadt.

Insgesamt zeigte der Vortrag von Martin Fuchs sehr gut, dass es neben den großen, bekannten Social-Media Plattformen eine Vielzahl spezieller Lösungen gibt, die für Kommunen eventuell sogar einen größeren Mehrwert bieten.

Fazit Tag 1:

Öffentliche Institutionen in Deutschland nehmen langsam die steigende Bedeutung der sozialen Medien wahr. Aber an vielen Stellen gibt es noch Bedenken. Dabei bieten sich echte Chancen für Bürger*innenbeteiligung, wenn die richtigen Werkzeuge und Strategien eingesetzt werden.

Ich fand das, was ich am ersten Tag der Konferenz gehört habe, recht spannend, auch wenn für mich bezüglich der sozialen Medien nicht mehr alles neu war. Dennoch, im Detail von den Herausforderungen zu hören, die sich im Umgang öffentlicher Institutionen mit Social Media ergeben, war eine gute Lernerfahrung. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an das Organisationsteam.

An dieser Stelle noch ein paar kleine organisatorische Verbesserungsvorschläge für das nächste Mal:

Internet-Zugang

Es wäre bei einer Social-Media-Konferenz gut, den Zugang zum Konferenz-WLAN besser zu kommunizieren. Zwar haben viele mittlerweile mobiles Internet, aber das dürfte im Vergleich zu einer Universitätsbibliothek eher langsam sein. Fairerweise muss man sagen, dass das Thema nicht/schlecht funktionierender Internetzugang ein Running Gag auf Internetkonferenzen im Allgemeinen ist – mit Ausnahme der letzten re:publica, bei der es wirklich gut funktioniert hat.

Twitter-Hashtag

Ich schlage vor, den Twitter-Hashtag für die nächste Konferenz vorab auf alle Konferenzmaterialien zu drucken und auf die Website zu schreiben.

Notizen

Es gibt tolle Werkzeuge, mit denen in Echtzeit kollaborativ an einer Konferenzdokumentation gearbeitet werden kann. Zwei Beispiele: http://beta.etherpad.org und http://free.primarypad.com/