Soziale Medien und öffentliche Institutionen (Konferenz, Tag 1)

Konferenz: „Soziale Medien und öffentliche Institutionen“ (Tag 1)

[Den Bericht zum zweiten Tag der Konferenz gibt es hier.]

[Update] Die Folien zu einigen Vorträgen gibt es auf Slideshare hier zu sehen.

Wie können Soziale Medien im Rahmen öffentlicher Institutionen zum Einsatz kommen und welche Herausforderungen tun sich auf dem Weg dorthin auf? Diese Fragen auszuloten war das Ziel der Konferenz  „Soziale Medien und öffentliche Institutionen – Nutzung von Facebook, Twitter und Co. Für Kommunikation und Partizipation“, die am 20. und 21. Juni 2013 an der Uni Leipzig in den Räumen der Bibliotheca Albertina stattfand.

Die Konferenz wurde von der Koordinationsgruppe „Vergleichende Kommunikation in sozialen Medien“ an der Universität Leipzig (Prof. Dr. Gert Pickel, Prof. Dr. Ansgar Zerfaß, Prof. Dr. Astrid Lorenz) in Zusammenarbeit mit dem Sächsischen Kompetenzzentrum Landes- und Kommunalpolitik veranstaltet

Twitter-Hashtag: #smöffinst

Social Media Tag Cloud by daniel_iversen, used under the https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/ license, Source: https://secure.flickr.com/photos/daniel_iversen/5440123405/sizes/l/in/photolist-9hJ4a8-9hM9Hs-8nmkDA-bn8M8i-bzawtz-bmfDH5-bmfkad-bmfk9A-aD5w7Y-btTTPU-aJVFED-99ZJrh/
Social Media Tag Cloud by daniel_iversen, used under the https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/ license, Source: https://secure.flickr.com/photos/daniel_iversen/5440123405/sizes/l/in/photolist-9hJ4a8-9hM9Hs-8nmkDA-bn8M8i-bzawtz-bmfDH5-bmfkad-bmfk9A-aD5w7Y-btTTPU-aJVFED-99ZJrh/

Ich habe die Konferenz an beiden Tagen besucht, konnte aber leider nicht alles mitnehmen, da zeitgleich eine Konferenz der Amerikanistik stattfand, die ich mir als studierter Amerikanist unter keinen Umständen entgehen lassen wollte. Hier sind also meine subjektiven, unvollständigen Notizen und Eindrücke des ersten Tages.

Neuland Social Media in öffentlichen Institutionen

Yvonne Jaeckel vom Organisationsteam der Konferenz wies darauf hin, dass im Hinblick auf öffentliche Institutionen derzeit noch ein Mangel an wissenschaftlichen Studien besteht. Bezüglich der Nutzungsformen, Chancen, Risiken und Wirkungen von Social Media im Rahmen öffentlicher Institutionen existieren also noch einige Blindflecke.

„Social Media und öffentliche Institutionen – Konzeptionelle Überlegungen“ (Prof. Dr. Thomas Pleil (Darmstadt):

Dr. Thomas Pleil, Professor für Public Relations an der Uni Darmstadt, bemerkte, dass das Social Web einen vormedialen Raum produziert, in dem Öffentlichkeit auch ohne professionelle Journalist*innen entsteht. Die Intensivnutzer*innen des Web 2.0 sind gleichermaßen Produzent*innen und Konsument*innen. In einem gewissen Maße verschwindet somit die Gatekeeper-Funktion der traditionellen Medien.

Des weiteren verwies Pleil auf das Netzwerk als die zentrale Organisationsform des Informationszeitalters (nach Castells). Diese zeichne sich durch gegenseitige Unterstützung, Hilfe zur Orientierung und den Mangel an zentralisierten Hierarchien aus. Gleichermaßen sei das Agieren innerhalb (sozialer) Netzwerke mit einem nicht unerheblichen Koordinierungsaufwand und dem Management verschiedener Rollen verbunden.

Crowdsourcing

Das Social Web ist durch einen hohen Grad an Selbstorganisation gekennzeichnet. Eine kleine Auswahl an sehr verschiedenen Projekten, die genannt wurden, unterstreicht dies. So wurde etwa im Juni 2013, als es in Teilen Deutschlands (und Europas) durch Hochwasser zu Überschwemmungen kam, über Twitter mit dem Hashtag #hochwasser informiert und Hilfe mobilisiert.

Die Wikipedia ist als größte Enzyklopedie der Welt, trotz aller bekannten Bedenken zur Nutzung im akademischen Bereich, ein weiteres prominentes Beispiel für Crowdsourcing.

Plattformen zur Enttarnung von plagiierten Dissertationen deutscher Spitzenpolitiker, wie Guttenplag, sind ein weiteres Beispiel.

Aber auch kommunale Websites wie Frankfurt Gestalten zeigen, wie Beteiligung im Social Web funktionieren kann.

Netzkultur ist anders

Die Netzkultur als solche hat gegenüber der generellen Kommunikationskultur öffentlicher Organisationen einige Besonderheiten. So ist sie im Allgemeinen durch Freiheit, Emanzipation, Transparenz, ein hohes Tempo, Personalisierung, Authentizität, Vertrauen und eine informelle Tonalität gekennzeichnet. Auch entstehen innerhalb des Social Web parallel mehrere Mikroöffentlichkeiten.

Pleils Fünf Thesen zur Nutzung sozialer Medien für öffentliche Institutionen

  • Am Anfang sollte eine Bestandsaufnahme und Entwicklung einer Strategie stehen.
  • Beim Zusammentreffen von klassischer Bürokratie und Social Web gibt es Reibungspunkte.
  • Öffentliche Institutionen sind nach dem Demokratieprinzip in der Pflicht, sich an die geänderte Mediennutzung der Bevölkerung anzupassen.
  • Öffentliche Institutionen haben nur noch die Wahl, ob sie sich an der Diskussion über sie im Social Web beteiligen wollen. Denn die Diskussion findet dort längst statt.
  • Es sind keine repräsentativen demokratischen Entscheidungen über das Social Web möglich, da die Beteiligung daran nach dem 90:9:1-Prinzip (Nielsen) verläuft: 90 Nutzer*innen schauen nur zu, 9 kommentieren, 1 Nutzer*in produziert selbst Inhalte.

Herausforderungen

Laut Pleil stehen öffentliche Institutionen vor der großen Herausforderung, zuzuhören, um Bedürfnisse Themen, Orte und Akteure zu identifizieren und diese dann in die Prozesse innerhalb der Organisation zu integrieren.

Aktuell (Stand 2012) sind in Deutschland zwar die Top 30 der Kommunen im Social Web vertreten (Hanappel, 2012), die Plattformen werden allerdings meist nur als Distributionskanäle für Informationen genutzt, der Dialog mit den Zielgruppen ist dagegen die Ausnahme.

Rahmenbedingungen – „Das dürfen wir doch gar nicht!“

Derzeit sind die Rahmenbedingungen für Social Media in vielen Bundesländern jedoch ungeeignet. So gibt es vielerorts Verbote der Nutzung von Plattformen wie Facebook, Twitter oder Blogs innerhalb öffentlicher Institutionen.

In einer aktuellen Studie zur Machbarkeit von Social Media in öffentlichen Institutionen (Feldmann et al., 2013) wird auch klar warum: Das Konzept der One Voice Policy, Fragen bezüglich Persönlichkeitsrechten, Jugendschutz, Datenschutz, aber auch Vorbehalte der Mitarbeiter*innen, die zusätzliche Belastung und mangelnde Medienkompetenz sorgen für Zurückhaltung.

Es gibt also noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, bevor sich die Nutzung sozialer Medien in Deutschland im Bereich öffentlicher Institutionen großflächig etablieren kann.

Hier sind die Folien von Dr. Pleils Vortrag: http://de.slideshare.net/apalme2003/pleil-institutionenwww

„Social-Media-Instrumente im Schatten von Facebook und Twitter. Best-Practice-Beispiele aus deutschen Verwaltungen.“ (Martin Fuchs, pluragraph.de)

Social Media ist nicht nur Facebook. Was professionellen Social-Media-Manager*innen als Binsenweisheit erscheinenen mag, erschließt sich im Blick auf deutsche Verwaltungen erst beim genaueren Hinsehen.

Martin Fuchs, Gründer von pluragraph.de, einer Plattform für Social-Media-Benchmarking und Social-Media-Analyse im nicht-kommerziellen Bereich, zeigte dies anschaulich in seinem Vortrag.

Laut dem „SAS Open Government Monitor 2012“ Bürger & Freunde (http://buerger-freunde.de/) nutzen deutsche Kommunen, sofern sie im Social Web vertreten sind, hauptsächlich Facebook, Twitter und YouTube. Sie tun dies, um die Verwaltung offener zu gestalten, die Zufriedenheit und das Vertrauen der Bürger*innen zu steigern. Darüber hinaus sind Jugendliche es gewohnt, Kontaktanfragen über das Internet zu erledigen.

Erratum:

Martin Fuchs hat mich in den Kommentaren darauf hingewiesen, dass die genannten Zahlen von Bürger & Freunde (http://buerger-freunde.de/) und nicht aus dem SAS Open Government Monitor 2012 stammten. Das hatte ich während des Vortrags wohl falsch verstanden.

Als ein Positivbeispiel nannte Fuchs den Social-Media-Auftritt der Stadt Moers, einer großen kreisangehörigen Stadt im Westen des Ruhrgebiets.

Bevor es losgeht: Strategie

Fuchs berichtete aus seinem Berateralltag und der wiederkehrenden Situation, dass Kommunen an ihn herantreten, um „Social Media zu machen“. Die darauf folgende Rückfrage, warum die Kommune diese neuen Möglichkeiten eigentlich nutzen will, bildet die Grundlage zu Überlegungen zur strategischen Planung.

Was gibt es für Kommunen außer Facebook noch?

Martin Fuchs hatte einige interessante Beispiele im Gepäck.

Die Plattform Maerker Brandenburg ermöglicht es Bürger*innen in Brandenburg, ihren Kommunen Infrastrukturprobleme mitzuteilen. Falls sie Ärgernisse wie Schlaglöcher, wilde Mülldeponien oder unnötige Barrieren für ältere oder behinderte Menschen sehen, so können sie auf einer Karte einen „Maerker“ setzen und erhalten Feedback über den Stand der Bearbeitung.

Auf LeihDeinerStadtGeld werden über eine Crowdinvesting-Plattform kurzfristig kommunale Projekte finanziert. Bürger*innen leihen einer Kommune beispielsweise für den Bau einer Schule einen bestimmten Betrag über eine festgelegte Laufzeit, und bekommen das Geld verzinst zurück. Sie können die Kreditvergabe an bestimmte Kommunen mitbeeinflussen.

Verschiedene Projekte der Wikimedia Foundation eignen sich ebenfalls sehr gut für Kommunen. So entstehen oftmals sehr detaillierte Artikel in der Wikipedia. Auf Wikimedia Commons können zum Beispiel Fotos zur freien Verwendung eingestellt werden. Das Portal WikiVoyage hat den Aufbau freier Reiseführer zum Ziel.

Außerhalb der Wikipedia gibt es auch die Möglichkeit, spezielle Städte-Wikis einzurichten, die nach demselben Prinzip wie die Wikipedia funktionieren. Als Beispiel diente die nordrhein-westfälische Stadt Hamm mit dem HammWiki.

Eine weitere Möglichkeit besteht in dem Aufbau eines virtuellen Stadtgedächtnisses. Die Stadt Vechta betreibt etwa unter http://unser-vechta.de eine Plattform, auf der Nutzer*innen Fotos der Stadt unter Creative-Commonz-Lizenzen hochladen können.

Blogs bieten sich ebenfalls für die Kommunikation von Kommunen an. Eine besondere Untergattung ist in diesem Zusammenhang das Bürgermeister*innen-Blog. So schreibt beispielsweise Klaus Mohrs (SPD), Bürgermeister der niedersächsischen Stadt Wolfsburg, unter http://www.klausmohrs.de/ über die Verwaltungsarbeit der Stadt.

Insgesamt zeigte der Vortrag von Martin Fuchs sehr gut, dass es neben den großen, bekannten Social-Media Plattformen eine Vielzahl spezieller Lösungen gibt, die für Kommunen eventuell sogar einen größeren Mehrwert bieten.

Fazit Tag 1:

Öffentliche Institutionen in Deutschland nehmen langsam die steigende Bedeutung der sozialen Medien wahr. Aber an vielen Stellen gibt es noch Bedenken. Dabei bieten sich echte Chancen für Bürger*innenbeteiligung, wenn die richtigen Werkzeuge und Strategien eingesetzt werden.

Ich fand das, was ich am ersten Tag der Konferenz gehört habe, recht spannend, auch wenn für mich bezüglich der sozialen Medien nicht mehr alles neu war. Dennoch, im Detail von den Herausforderungen zu hören, die sich im Umgang öffentlicher Institutionen mit Social Media ergeben, war eine gute Lernerfahrung. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an das Organisationsteam.

An dieser Stelle noch ein paar kleine organisatorische Verbesserungsvorschläge für das nächste Mal:

Internet-Zugang

Es wäre bei einer Social-Media-Konferenz gut, den Zugang zum Konferenz-WLAN besser zu kommunizieren. Zwar haben viele mittlerweile mobiles Internet, aber das dürfte im Vergleich zu einer Universitätsbibliothek eher langsam sein. Fairerweise muss man sagen, dass das Thema nicht/schlecht funktionierender Internetzugang ein Running Gag auf Internetkonferenzen im Allgemeinen ist – mit Ausnahme der letzten re:publica, bei der es wirklich gut funktioniert hat.

Twitter-Hashtag

Ich schlage vor, den Twitter-Hashtag für die nächste Konferenz vorab auf alle Konferenzmaterialien zu drucken und auf die Website zu schreiben.

Notizen

Es gibt tolle Werkzeuge, mit denen in Echtzeit kollaborativ an einer Konferenzdokumentation gearbeitet werden kann. Zwei Beispiele: http://beta.etherpad.org und http://free.primarypad.com/